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Minifant

Imperator

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1

Samstag, 3. Januar 2009, 02:16

Bübchen

Das Jahr 2009 beginnt mit einem Film, der nun 40 Jahre nach seiner damals von Publikum und Kritikern kontrovers aufgenommenen Uraufführung auf DVD erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich wird.

Filmtitel: Bübchen
Regie: Roland Klick
Darsteller: Sascha Urchs
Produktion: Westdeutschland 1968



ab 15.1.2009 auf DVD im Handel

Inhalt
An einem Samstagnachmittag soll die jugendliche Nachbarstochter Monika auf den neunjährigen Achim und sein kleines Schwesterchen Katrin aufpassen, während die Eltern der Kinder zusammen mit den Nachbarn auf eine feucht-fröhliche Feier fahren. Die Teenagerin hat wenig Lust dazu, zumal sie Achim nicht ausstehen kann, weil er ständig Lügengeschichten erzählt. Als ihr Freund mit seinem lilafarbenen Auto aufkreuzt, unternimmt sie mit ihm eine Spritztour und läßt die Kinder allein.
Achim zieht seiner kleinen Schwester eine Plastiktüte über den Kopf und beobachtet, wie sie erstickt. Dann transportiert er die Leiche der Kleinen in eine Decke eingewickelt seelenruhig im Leiterwagen zur nahegelegenen Müllhalde. Unterwegs macht er am Bolzplatz Halt, wo seine Kumpels sich zum Fußballspielen versammelt haben. Sie erwarten Achim schon, denn er besitzt als einziger einen Ball. Lustlos holt Achim seinen Fußball aus dem Leiterwagen und spielt eine Runde mit. Dann zieht er weiter zu der verwilderten Grube, wo Autowracks und anderes Gerümpel in der Landschaft herumliegen, und entsorgt die Leiche im Kofferraum eines Schrottautos.
Monika ahnt nichts und merkt nichts, als sie von ihrem Ausflug wieder ins Haus kommt. Erst als die beschwipsten Erwachsenen vom Fest zurückkommen, fällt langsam auf, daß Katrin verschwunden ist. Monika wird zur Rede gestellt, sie versucht sich mit Ausflüchten wegzustehlen. Achim weiß nichts. Verzweifelt suchen die Eltern nach dem Kleinkind. Sie machen schnell dem befreundeten Nachbarspaar schwere Vorwürfe, weil deren Tochter nicht richtig aufgepaßt hat. Bei einem ersten Polizeiverhör legt Achim eine Spur zu Monikas Freund, dessen Wagen zur Tatzeit ja auch wirklich in der Straße gewesen war. Der junge Mann ist fassungslos, daß er eines Sittlichkeitsverbrechens verdächtigt wird. Man kann ihm auch nichts nachweisen. Die Polizei kommt bei den Ermittlungen nicht weiter. Während Monika sich bei ihren Aussagen in Widersprüche verstrickt, bleibt Achim wortkarg...

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Interpretation
Auf den ersten Blick entspricht der Film im Handlungsaufbau und vor allem in den Verhörmethoden der Kripo dem typischen westdeutschen Fernsehkrimi der 1960er Jahre - mit Ausnahme des Umstands, daß der Zuschauer den Mörder schon von Beginn an kennt. Allerdings ist auch das sehr vage, denn die Szenen von der Tat sind so flüchtig, daß man das kaum realisiert. Krasse Logiklöcher verleihen zudem dem Film eine ganz andere Intention.
Irritiert hat das Publikum bei der Aufführung seinerzeit das Fehlen einer explizit aufgedröselten psychologischen Erklärung für den Mord. Genau dies wollte Regisseur Roland Klick nicht liefern, denn die Analyse soll der Zuschauer selbst bewerkstelligen. Es ist nämlich schmerzhafter, wenn man sich unmittelbar in die kleinbürgerliche Welt hineinbegeben muß, um deren emotionale Defizite als Ursache für das Verhalten des Jungen zu erkennen. Eine Menge Leute, die sich mit so einer vermeintlich ganz normalen Familie identifizieren, dürften sich enorm brüskiert fühlen, wenn ihnen vor Augen gehalten wird, daß eine solche Tragödie auch ihnen passieren könnte.
Zwischen Achim und seinen Eltern besteht eine reine Zweckverbindung, die sich nur auf den technischen Ablauf des Alltags in der Wohngemeinschaft "Familie" beschränkt. Für die persönlichen Interessen, Fragen und Gefühle ihres Sohns haben die selbstbezogenen Eltern überhaupt keine Wahrnehmung. Roland Klick beobachtet mit der Kamera in bedrückender Atmosphäre ein Geschehen, wie es später Michael Haneke in "Bennys Video" aufgreift. Allerdings ist der Charakter des Jungen in "Bübchen" vielschichtiger. Achim kann mit seinen neun Jahren die Dimension der begangenen Tötung nicht erfassen, er konstruiert aber mit einer unheimlich wirkenden Intelligenz Geschichten und Motive rund um den Vorfall.

Filmkritik © by "Minifant"
Text verlagsrechtlich geschützt


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Die DVD enthält zum Film einen aktuellen Audiokommentar von Regisseur Roland Klick und ein langes Interview. Darin erfährt man zwischen vielen anderen Anekdoten ein paar Hintergründe über den Jungdarsteller und die Filmarbeiten mit ihm: Sascha Urchs hatte vorher keine Filmerfahrung. Der Junge wurde von seiner Mutter zum Casting geschleppt und hatte überhaupt keine Lust dazu. Entsprechend gab er sich beim Vorsprechen ziemlich abweisend und etwas trotzig. Genau das gab für Roland Klick den Ausschlag, ihm vor den ganzen bereits für die Kamera abgerichteten Kindern den Vorzug zu geben. Sascha Urchs hat danach keine weiteren Filme gemacht, ist also kein "Star" geworden, sondern arbeitet heute (laut Roland Klick) als Professor in Berlin.
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Prometheus

Critical User

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2

Samstag, 3. Januar 2009, 04:45

Danke für die Filmbesprechung, scheint wieder mal ein sehr außergewöhnlicher und interessanter Streifen zu sein. :thumbup:
Vive et alios sine vivere!

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Huckleberry

unregistriert

3

Samstag, 3. Januar 2009, 10:58

Den Film habe ich schon seit Jahren auf meiner TV-Suchliste. Ist aber seitdem nicht gezeigt worden.
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Brian

Ehrenmitglied

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4

Samstag, 3. Januar 2009, 11:58

Die Handlung hört sich so ein wenig an wie bei "Unter dem Eis" mit Adrian Wahlen. Da war es nicht das Schwesterchen sondern die Tocher von Bekannten, die im Wald mit einer Tüte erstickt wurde, während die Mutter des "Täters" eine feuchtfröhliche Tupperparty für Unterwäsche mit ihren Freundinnen feiert.
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Argetlam

Imperator

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5

Samstag, 3. Januar 2009, 15:00

Die Story hört sich schon krass an. :D
Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten oder meistbietend bei ebay verkaufen.

KITZEL MICH

Bis zum 16. Jahrhundert dachte man die Erde sei eine Scheibe. Dann dachte man bis zum 21. Jahrhundert, sie sei eine Kugel.


Jetzt weiß man: Sie ist ein Würfel
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Eumenes

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6

Samstag, 3. Januar 2009, 15:01

Scheint wirklich ein interessanter Film zu sein.

Traurig ist, dass sich an den kritisierten Zuständen auch nach 40 Jahren nichts wirklich verbessert hat ... eher verschlimmert. :(
They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.
(Benjamin Franklin)
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pyXis

Hüter des Lichts

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7

Samstag, 3. Januar 2009, 22:09

Danke für die Vorstellung!
Lief das denn schon mal im TV? Ich kann mich vage an die beschriebene Handlung erinnern, oder war das einer der zitierten anderen Filme?


(hm, 1970 im Schweizer Fernsehen, das kann ich nicht gesehen haben...)

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »pyXis« (3. Januar 2009, 22:25)

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Hibiki

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8

Sonntag, 10. Januar 2016, 14:43

Der Junge wurde von seiner Mutter zum Casting geschleppt und hatte überhaupt keine Lust dazu. Entsprechend gab er sich beim Vorsprechen ziemlich abweisend und etwas trotzig.

Ironischer Weise hat ihn genau dieses Verhalten für diese Rolle prä­de­s­ti­niert ^ ^.
Zwei Jahre nach seinem kommerziellen Misserfolg wurde "Bübchen"übrigens als "Der kleine Vampir" wiederaufgeführt.
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